Die Diakonische Bezirksstelle wird Beratungsstelle des Monats

Die Sozial- und Lebensberatung der Diakonischen Bezirksstelle ist in Sigmaringen im Evangelischen Gemeindehaus in der Karlstrasse 24 verortet. Die räumliche Lage drückt bereits eine wesentliche Ressource dieses Beratungsangebotes aus: Frau Fechter arbeitet unter anderem eng vernetzt mit der Kirchengemeinde zusammen, das Beratungsangebot ist aber trotzdem ein unabhängiger Dienst für Ratsuchende in schwierigen Situationen und Lebenslagen. Der diakonische Grundauftrag, Menschen in Notsituationen zu helfen und zu unterstützen, kann durch dieses Beratungsangebot gelebt werden. Ebenso ist es in unserer modernen Zeit immer wichtiger, das Sprachrohr für Menschen zu werden, die mit ihren Problemen nicht oder nur schwer Gehör finden in Öffentlichkeit und Politik. Deshalb will die  Beratungsstelle auch Anlaufstelle sein und ggf. Mißstände beheben.

Dem Kirchenbezirk  Balingen ist es ein großes Anliegen, dass dieses Angebot vor Ort in Sigmaringen, nah an den Menschen, vorgehalten wird.

 

Die Beratungsstelle kann in schwierigen  Lebenslagen direkt und individuell  durch Beratung und Mittel unterstützen, kann  klären, welcher Fachdienst vor Ort für ein bestimmtes Anliegen geeignet  oder welche  Behörde zuständig ist. Von daher ist eine gute enge Vernetzung mit Behörden, Fachdiensten, Einrichtungen, Kirchengemeinden und Wohlfahrtsverbänden wichtig und Voraussetzung für ein gutes Arbeiten der  Sozial- und Lebensberatungsstelle.  

 

Interview „Beratungsstelle des Monats“

Die Sozial- und Lebensberatung der Diakonischen Bezirksstelle Balingen in Sigmaringen– Interview mit Michaela Fechter, die mit 50% diese Stelle bekleidet. Frau Fechter ist zuständig für Ratsuchende  in Sigmaringen und umliegenden Gemeinden. Die Fragen stellte Past. Ref. Wolfgang Holl.

PR Holl: Frau Fechter, Sie arbeiten jetzt ja schon fast  5 Jahre hier in Sigmaringen in der Sozial -und Lebensberatung der Diakonischen Bezirksstelle. Wenn Sie diese Zeit überblicken, welche Entwicklungen nehmen Sie wahr?

Fr. Fechter: In vergangener Zeit nehme ich eine starke Zunahme der Armut und eine zunehmende  Zahl an Obdachlosen wahr. Sicherlich ein Hauptgrund hierfür ist, dass es immer weniger bezahlbaren Wohnraum gibt, die Wohnungsnot wird immer größer. Dieses Thema betrifft mittlerweile nicht nur eine kleine „Randgruppe“ in der Gesellschaft, sondern einen immer größeren Bürgeranteil. 

PR Holl: In den letzten zwei Jahren haben Sie in der Landeserstaufnahme für Flüchtlinge, d.h. in der Kaserne gearbeitet, die Sozial-und Verfahrensberatung aufgebaut. Hat diese Arbeit Ihren Blick auf die Menschen verändert?

Fr. Fechter: Sicherlich wurde durch meine dortige Tätigkeit meine Wahrnehmung geschärft und sensibler. Mein Blick auf die Menschen war schon immer intensiv, die Wertschätzung und Annahme des Individuums in seiner Einzigartigkeit, eine Annahme des Klienten- egal welcher Nation oder Religion-  mit und in seiner eigenen Wahrnehmung war mir immer wichtig.  Demzufolge  änderte sich nicht mein Blick, sondern meine Beratungserfahrung erweiterte sich.

PR Holl: Sie sind von der Anstellung her auf der Kirchenbezirksebene angesiedelt, haben aber direkte und enge Kontakte in die Gemeindediakonie hinein durch die Menschen, die in die Kleiderkammer oder zur Beratung in die Karlstrasse kommen. Verzweifeln Sie da manchmal nicht, wenn Sie die Not der Menschen sehen?         

Fr. Fechter: Meine Beratungstätigkeit kann ich leider in immer selteneren Fällen als einmalige Überbrückung, (eine Brücke hat Anfang und Ende) sehen, sondern als konstanten Wegbegleiter für Hilfesuchende. Das Positive ist, dass dadurch zwischenmenschlich tolle Beziehungen entstehen können, Vertrauen wächst, Menschen mich kennen und wissen, dass sie sich auf mich in meiner Stelle verlassen und in meiner Beratungsstelle Rat finden  können. Armut wird immer mehr zu einem dauerhaften Zustand und bedarf kontinuierlicher Linderung.

Eigene Verzweiflung?...nein. Für mich ist es ein Geschenk, dass ich Menschen helfen kann und darf.  Ich schöpfe Kraft aus  den positiven Dingen, aus den Begegnungen mit Menschen und Kontakten in meiner Beratungsarbeit. 

PR Holl: Armut macht einsam und zeigt sich nicht nur in roten Zahlen beim Blick auf den Kontostand. Armut hat, besonders wenn sie länger anhält, auch Tiefenwirkungen und Langzeitwirkungen auf die Betroffenen. Armut macht krank. Können Sie das bestätigen?

Fr. Fechter: Armut macht krank – und: Krankheit macht manchmal auch arm. Es ist eine Art Sogwirkung nach unten, beides zieht häufig die Menschen raus aus gesellschaftlichen Kontakten. Leider macht Armut Menschen auch manchmal kriminell. Diese Menschen sehen keinen anderen Ausweg mehr, wie gegen Gesetze zu verstoßen, um sich und ihre Familie finanziell durchzubringen.

PR Holl: Wer seine Arbeit gerade in so engem Kontakt mit Menschen in Not mit Herzblut macht, braucht starke Visionen. Welche Visionen geben Ihnen Kraft? Wovon träumen Sie?

Fr. Fechter:  An dieser Stelle könnte ich seitenfüllend antworten. Ich habe große Visionen und Träume, in der Ferne und in der Nähe, konkret in Sigmaringen. In der Ferne, dass Kinder in Kriegsgebieten wieder von Schmetterlingen und nicht mehr von Bomben morgens geweckt werden. In Sigmaringen momentan ganz konkret, dass die soziale Verantwortung des Wohnungsbaus verstärkter umgesetzt wird. Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft, die Verbände, die Kirchengemeinden, die Bürger das Thema der zunehmenden Armut ernstnehmen und jetzt schon frühzeitig entgegenwirken und nicht erst, wenn die Armut breiter manifestiert ist. Ich sehe dies als diakonischen Auftrag an, auch frühzeitig zu agieren und Präventionsarbeit zu leisten. Dies kann durch unterschiedliche Ansätze und Angebote stattfinden, sei es durch Projekte, Beratungsangebote, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunalpolitik. Politik, Kirchen und Gesellschaft müssen sich eng vernetzen und das Bewusstsein aller schärfen, dass die Armutsbekämpfung Auftrag jedes Einzelnen ist.

PR Holl: Vielen Dank für das interessante Gespräch – und ich freue mich auf eine weiterhin gute Zusammenarbeit.

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Informationen zur Veröffentlichung

Veröffentlichungsdatum: 30.04.18

Quelle/Autor:

Pfarramt I

Dorothee Sauer
Pfarrerin in Sigmaringen & Codekanin im ev. Kirchenbezirk Balingen

Tel. 07571 / 683014

Pfarramt II

Matthias Ströhle
Pfarrer in Sigmaringen & Beauftragter für Hochschulseelsorge im ev. Kirchenbezirk Balingen

Tel. 07571 / 683011

Pfarramt III

Kathrin Fingerle & Micha Fingerle
Pfarrerin und Pfarrer in Sigmaringen

Tel. 07571 / 3430

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